Schlaraffia

Ein Bund von Kunst, Freundschaft und Humor

In einer Welt, die zunehmend von Hektik, digitaler Reizüberflutung und gesellschaftlichen Spannungen geprägt ist, existiert eine Oase des Geistes, die wie aus der Zeit gefallen wirkt: die Schlaraffia. Wer diesen Bund zum ersten Mal erlebt, mag an ein buntes Theaterstück oder ein skurriles Rollenspiel denken. Doch hinter den ritterlichen Rüstungen aus Stoff, den hölzernen Schwertern und dem augenzwinkernden Zeremoniell verbirgt sich eine der ältesten und tiefgründigsten Formen der organisierten Lebensfreude im deutschen Sprachraum.

Gegründet wurde dieser weltweite, rein deutschsprachige Herrenbund im Jahr 1859 in Prag. Künstler, Schauspieler und Intellektuelle – darunter namhafte Kulturschaffende der Prager Szene – wollten einen Gegenpol zur steifen, dünkelhaften Aristokratie und dem strengen Philistertum ihrer Zeit schaffen. Sie gründeten ein fiktives Königreich, parodierten den ritterlichen Prunk des Mittelalters und erhoben drei Ideale zu ihren Grundpfeilern: die Pflege der Kunst, die Pflege der Freundschaft und den Humor.

Das ritterliche Spiel: Die Sippung

Das Herzstück des schlaraffischen Lebens ist die „Sippung" – das wöchentliche Treffen, das ausschließlich in der „Winterung" (zwischen dem 1. Oktober und dem 30. April) stattfindet. Die Treffen folgen einem strengen, jahrzehntelang erprobten Ritual. Die Mitglieder, genannt „Sassen", treffen sich in ihrer Vereinsheimat, der „Burg".

Betritt man die Burg, lässt man den Alltag, den Beruf und jeglichen gesellschaftlichen Status draußen vor der Pforte. In der Schlaraffia gibt es keine Doktoren, Direktoren oder Politiker. Hier gibt es eine eigene Hierarchie, die jeder von der Pike auf durchwandern muss: vom stummen Knappen über den lernenden Junker bis hin zum stimmberechtigten Ritter, der bei seinem feierlichen Ritterschlag einen ganz eigenen, oft humorvollen Ritternamen erhält.

Geleitet wird die Sippung von einem dreiköpfigen Oberschlaraffenrat (dem „Thron"). Das Wappentier des Bundes ist der Uhu, das Symbol der Weisheit, der alles Geschehen schweigend von seinem Podest aus überwacht. Der schlaraffische Gruß und Ausdruck der Begeisterung lautet „Lulu!" – ein Wort, das in der Burg alles bedeuten kann: von „Guten Abend" über „Bravo!" bis hin zu einem schlichten „Prost!".

Das Schlaraffenlatein: Eine Sprache für sich

Um sich vollends aus der profanen Realität zu lösen, nutzen Schlaraffen eine eigene, herrlich altertümliche Sprache – das sogenannte Schlaraffenlatein. Es verfremdet den Alltag und nimmt ihm die Schwere.

Diese Sprache ist kein Geheimbund-Code, sondern ein scharfes Werkzeug des Humors. Sie zwingt die Sassen, im Hier und Jetzt umzudenken, kreativ zu werden und den Geist zu fordern.

Eine ausführlichere Übersicht findest du unter Schlaraffenlatein.

Kunst und Humor auf dem Prüfstand

Eine Sippung ist kein reines Trinkgelage – im Gegenteil. Sie ist eine Bühne für den Geist. Der Abend ist in zwei Teile gegliedert, einem amtlichen und einem nicht-amtlichen Teil. Dazwischen gibt es eine „Schmuspause". Im nicht-amtlichen Teil stehen „Fechsungen" im Mittelpunkt.

Unter „Fechsen" versteht man das Vortragen von eigenen oder fremden geistigen Werken. Das können Gedichte, humorvolle Reden, tiefsinnige Betrachtungen oder musikalische Darbietungen am Klavier oder mit der Laute sein. Jede Fechsung wird von den Sassen bewertet – oft mit humorvollem Tadel oder mit stürmischem „Lulu-Ruf".

Der Humor in der Schlaraffia ist dabei niemals verletzend. Er ist vielmehr eine feine, ironische Klinge, die den Alltag aufspießt. Er erlaubt es, über die eigenen Schwächen und die Absurditäten der Welt zu lachen, ohne jemanden bloßzustellen.

Die drei eisernen Regeln des Friedens

Dass dieser Bund seit über 160 Jahren Kriege, Systemwechsel und Krisen überstanden hat und heute hunderte von „Reychen" von Europa über Nordamerika bis nach Australien umfasst, liegt an drei goldenen Gesetzen, die in jeder Burg unumstößlich gelten:

  1. Keine Politik.
  2. Keine Religion.
  3. Keine Wirtschaft.

Jegliche Debatte über diese Themen, die in der profanen Welt so oft zu Spaltung, Streit und Feindseligkeit führen, ist bei Strafe verboten. In der Burg sind alle Sassen Brüder. Ein linker Politiker kann hier friedlich neben einem konservativen Unternehmer sitzen; ein gläubiger Christ neben einem Atheisten. Was zählt, ist der Mensch, sein Geist und sein Beitrag zur Gemeinschaft.

Ein Bund für das Leben

Schlaraffia ist kein Hobby, das man einfach so nebenbei betreibt – es ist eine Lebenseinstellung. Sie fordert von ihren Mitgliedern Toleranz, Herzensbildung und die Bereitschaft, sich auf die Gemeinschaft einzulassen. Wer einmal den Ritterschlag erhalten hat, gehört einer weltweiten Familie an. Reist ein Schlaraffe in eine fremde Stadt, in der es ein Reych gibt, ist er dort sofort ein willkommener und hochgeschätzter Gast, als würde man sich seit Jahrzehnten kennen.

Am Ende ist Schlaraffia das wohl anspruchsvollste und schönste Spiel für Männer, die sich den Blick für das Schöne, das Humorvolle und das Bleibende im Leben bewahrt haben. Oder wie es ein alter schlaraffischer Leitspruch sagt:

„In Arte Voluptas" – In der Kunst liegt das Vergnügen.

Für weiterführende Informationen: www.schlaraffia.org

Nächste Sippung: Turney zum Reychswort-Verdreher – 19. Oktober 2026